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Zwischen Beten und Bangen hatte ich mich nun zu entscheiden. Bangen, dass das Gespräch bloß nicht endete und beten, dass es möglichst schnell vorüber ging. Aber ehe ich mich versah, hörte ich das Geräusch des Hörers auf der Telefongabel und im Nu hatte sich das Problem selbständig gelöst. Mein Vater ging mit großen Schritten in die Küche. Meine Mutter stand an der Arbeitsplatte der weißen Küche. Ich konnte die Kaffeemaschine wahrnehmen, die freudig vor sich hin gluckerte und das schwarze Gebräu produzierte und schaute dann zu meinem Bruder, der auf einem Stuhl um den Tisch saß und in einem Heft blätterte. Der Mann, der einen gebückten Gang hatte, da er häufig unter Rückenschmerzen litt, stellte inzwischen seine Arbeitstasche auf den Tisch und ging in den Keller, um seinen Arbeitsanzug aus zu ziehen. Er arbeitete in einer Autowerkstatt und musste darum angemessene Kleidung tragen. Früher habe ich den Geruch des Öls oder Benzins seiner Kleidung sehr intensiv wahrgenommen. Immer konnte ich im Flur riechen, ob er gerade von der Arbeit gekommen war und in der Küche saß. Ein so bekannter Geruch, der mich noch heute an meine Kindheit erinnern würde, als wäre ich wieder vier oder fünf Jahre alt. Außerdem waren seine Hände oft schwarz, was mit einem Mal Händewachsen nicht völlig verschwand. Ich hielt es damals für üblich, dass die Hände meines Vaters von schwarzen Linen durchzogen waren und war der Meinung alle Väter hatten solche Hände – eben Arbeitshände.
Er sah sehr böse aus, als er den Raum wieder betrat. Ein grimmiger Blick auf seinem Gesicht sagte mir eigentlich schon alles. Keine Begrüßung kam aus seinem Mund hervor, was darauf schließen musste, dass er recht sauer war. Er wollte mich also mit Missachtung strafen. Dann hätte er doch lieber schreien und schimpfen sollen, anstatt jenes zu tun. Hauptsache er würde mir sagen, weshalb Frau Lindenborn angerufen hatte, egal in welchem Ton er dies tat. Aber kein Schweigen, nein bitte kein Schweigen. Er durfte keine Dinge wissen, die nicht für ihn bestimmt waren. Anscheinend fehlten ihm jedoch einzig und allein die Worte, um einen Anfang zu finden, denn im nächsten Moment sprudelte es nur so aus ihm heraus und das, wie ich es erwartet hatte, ziemlich laut und wütend. „Nein, das gibt es nicht. Wie kann man denn nicht antworten, wenn man etwas in der Schule gefragt wird? Und dann rufen die Lehrer deshalb auch noch hier an. Das kann doch nicht sein. Man muss doch etwas sagen, wenn man an der Reihe ist. Und dann schreibt die Zettel, wo draufsteht, sie will sich umbringen. Ich fass es nicht Nein, unvorstellbar!“ Inhaltlich gesehen, sagte er mehrfach das Gleiche, in einem abstoßenden Ton. Bestimmt zehn Minuten konnte ich mir Vorwürfe dieser Art in verschiedensten Ausführungen anhören. Doch letztendlich nur solange, bis ich das Geschimpfe nicht mehr ertragen konnte und auf einmal war ich sehr redewillig und auch laut. „Sei doch einfach still, wenn du keine Ahnung hast!“ schrie ich ihn lauter an, als er es selbst tat. „Ja, keine Ahnung habe ich also…“, entgegnete er nun genauso laut. „Ja, sonst würdest du so etwas nicht sagen!“, konterte es meinerseits. Für weiteres Geschrei war ich emotional zu aufgebracht, denn Tränen schossen in meine Augen. Reflexartig nahm ich meine Schultasche und stürmte fort, denn Tränen waren nicht für meine Familie bestimmt. Dabei schlug ich die Tür lauter zu, als ich dies jemals getan hatte, damit jeder wusste wie hasserfüllt ich gerade nur war. Niemand hatte das Recht mir solche Vorwürfe zu machen und schon gar nicht über Dinge, die mich seit langer Zeit hemmten und einschränkten. Es reichte schließlich, wenn ich jenes selbst schon zu genüge tat. Ich lies mich nicht ausschimpfen. Schließlich bereitete es mir massig Probleme und niemand hatte das Recht mich deshalb zu beschimpfen. So viel ließ ich mir dann doch nicht gefallen, obwohl die Grenze des Wehrens bei mir ziemlich hoch gesetzt war. |
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Hätte man mir gesagt, wie mein Freitagnachmittag werden würde, wäre ich auf jeden Fall tausendmal lieber in der Schule geblieben und hätte sogar Sportunterricht gehabt, als nach Hause zu gehen. Leider sollte das verweigerte Referat nicht in Vergessenheit geraten, weder sollte ich es verdrängen können, noch konnte ich vor ihm fliehen, denn als ich die Haustür unseres Hauses aufschloss, hörte ich die Stimme meines Vaters, der offensichtlich telefonierte. Es war nicht ungewöhnlich, dass er jenes tat, als ich allerdings erkennen konnte mit wem er sich über dieses schwarze Gebilde unterhielt, drohte mein Herz förmlich zu zerspringen. Starr und regungslos spürte ich mein Herz bis zum Hals schlagen.
„Ja, das geht nicht.“ „Mhm…“ „Ich weiß auch nicht, was mit ihr los ist. Sie redet darüber nicht“, erklärte mein Vater im Nebenzimmer. Welche weiblichen Personen gab es in der Familie, außer meiner Mutter - über die mein Vater sicherlich nicht redete und seiner minderjährigen Tochter? Leider hatte ich keine Schwester, die er vielleicht meinte, sondern nur einen jüngeren Bruder, den er bestimmt nicht mit einem weiblichen Pronomen anredete. Also musste ich wohl oder übel der schrecklichen Wahrheit ins Auge blicken und mein Verdacht bestätigte sich. Mein Vater sprach mit Frau Lindenborn, der Klassenlehrerin und der gleichen Person, die mich zu dem gestrigen Vortrag aufgefordert hatte. Sie erzählte ihm zu meinem Entsetzen gerade Dinge, die er wohlmöglich gar nicht wissen sollte. Mein Vater war ein Mann, der wenig Verständnis für Gefühle anderer besaß. Darum war es auch unvorstellbar, dass er wusste, wie seine Tochter dachte. Ich hoffte das Gespräch würde schnell beendet werden. Aber nein! Dann würde dieser Mann am Telefon hundertprozentig mit mir reden wollen oder würde zumindest das Thema des Telefonats ansprechen. Vielleicht würde er schimpfen oder sogar schreien, denn begeistert wäre er sicherlich nicht, wenn die Lehrer seiner Kinder schon zu Hause anrufen, was auch immer Frau Lindenborn ihm mitteilen wollte. Darüber sprechen mochte ich keinesfalls, denn die Antworten auf seine möglicherweise gestellten Fragen gingen ihn nichts an. Außerdem wäre ich angreifbar mit meinen erzählten Gefühlen und durch sein Geschimpfe würde er jenes sogar ganz automatisch tun. Also wäre es mir lieb gewesen, würde dieses Gespräch noch Stunden dauern, denn so hatte ich bestenfalls mehr Schonzeit. Unglücklicherweise hatte Frau Lindenborn somit aber ebenso mehr Zeit, ihm weitere unverrichtete Aufgaben oder Leistungen seiner Tochter mitzuteilen, was sie mit aller Wahrscheinlichkeit tat, denn über das schöne Frühlingswetter plauderten sie wohl kaum. |
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Der Sportunterricht verging schnell, da ich die Zeit damit verbrachte auf der Bank zu sitzen und das freudige Getobe zu beobachten. Es hätte viel Anstrengung bedurft, wenn ich mich unter die Menge gemischt hätte und wozu sollte ich mich anstrengen? Wohlmöglich wäre ich auch beim Sportunterricht nicht mit meinen winzigkleinen Leistungen zufrieden gewesen, die ich mit viel Mühe verrichten hätte müssen, denn sie waren wahrhaftig grauenvoll. Das musste jeder sagen. Hemmungslos bewegen konnte ich mich gleichermaßen wenig, wie ich Gebrauch von meiner Stimme machen konnte. Zudem war ich wohl auch unsportlich, weil ich mir kaum etwas zutraute. Aus diesem Grund war es überflüssig. Blamage und Gespött hätte mir dies gebracht, weiter nichts. Da ertrug ich doch lieber den Ärger und die Probleme der Benotung. Welche Note gäbe man mir, außer einer Sechs? Selbst die Meinungen, vielleicht sogar Beschwerden und Gedanken der anderen Mitschüler hinderten mich kaum, meine Verweigerung durchzuführen, selbst wenn ich mich damit noch so schlecht fühlte. Ich konnte nicht teilnehmen.
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Die Englischstunden vergingen schnell, auch wenn ich keine sinnvolle Beschäftigung fand, mir die Zeit zu vertreiben. Deshalb verbrachte ich diese mit Beobachten, Nachdenken oder Zuhören. Ich konnte kaum das Klingeln erwarten, rutschte auf meinem Stuhl hin und her und spürte die Aufregung in meinem Bauch. Als endlich der fröhliche Ton aus dem Lautsprecher über der Tafel ertönte, klopfte mein Herz lauter. Es war die sechste Stunde, die Freistunde. Schnell stürzte ich die Treppe hinunter, wartete bis sich alle Schüler zur Pause versammelt hatten und tapste langsam die Treppe wieder hinauf. Schließlich sollte keiner sehen, wie ich manchmal vor der Tür oder manchmal auch am Ende des Ganges, an einem Fenster auf Olaf wartete. Bestimmt hätte sich jeder gefragt, was um Himmels Willen ich dort tat, denn niemand stand minutenlang einfach im Flur herum. Und jenes tat ich oft, da ich mich nicht traute an die Bürotür zu klopfen und herein zu gehen. Immer wartete ich solange, bis die Tür aufging, war es zufällig oder, weil er auf mich wartete.
Heute schlurfte ich zur Tür, in der Hoffnung sie würde sich auf halbem Wege öffnen und ich müsse nicht vor ihr stehen bleiben, wobei mir nämlich sehr oft unwohl war. Aber mit Leichtigkeit klopfen und hereinspazieren, als würde ich den ganzen Tag nichts anderes tun, fühlte sich, unmöglich an. Kleinere und langsamere Schritte hätte ich nicht mehr machen können, denn dann müsste ich stehen bleiben. Aber diese Tür ging und ging nicht auf. Sollte ich zurückgehen? Was war aber, wenn Olaf gerade in diesem Augenblick die Tür öffnete? Dann marschierte ich einfach im Flur auf und ab, weil dies sicherlich jedem großen Spaß machte. Nein, ich konnte nicht umkehren. Die Tür sah heute besonders gelb aus. Und gleich würde ich die Ziffern zwei, null, fünf erkennen, wenn ich einige Schritte weiterging und mich vor die Tür stellte. Kaum erkannte ich die Ziffern, stand ich auch schon vor der Tür. Wahrscheinlich würde es einige Zeit dauern, bis er die Tür öffnete. Tat er es denn überhaupt? Eigentlich wusste er, dass mir vieles nicht leicht fiel, aber wie konnte ich mir sicher sein, er würde dies immer tun? Wahrscheinlich würde ich mich von Minute zu Minute mehr ärgern, weil ich sinnlos vor der Tür stand und die kostbare Zeit bei ihm verschenkte. Außerdem wäre ich sehr enttäuscht, würde er mich vor der Tür stehen lassen und wenn er dies nicht tat, freute ich mich umso mehr, erwartete vielleicht weiteres, das letztendlich enttäuscht wurde. Und jenes dann schlimmer, als wäre ich nur über meine nicht geschafften Vorhaben enttäuscht gewesen. Wie ich dieses Gedankentreiben hasste. Es ist doch logisch, dass enttäuschte Hoffnungen sehr schmerzten. Ruckartig und gut hörbar öffnete sich die Tür und Olaf trat aus seinem Büro. Dies geschah immer sehr ruckartig, sehr plötzlich, fast erschreckend, da man keine warnenden Geräusche auf dem leeren Gang hören konnte. Des Weiteren erlaubten es die Scharniere der Tür nicht sie in Richtung des Büros zu öffnen und darum war es jedes Mal eine sekundenschnelle Überraschung, wer nun jeden Moment auf den Flur trat. Ein freundliches Lächeln auf seinem Gesicht begrüßte mich, „Hallo Alena“ und drehte sich wieder um, was wohl bedeutete, ich sollte hereinkommen. Hineingehen oder nicht? Hier stehen bleiben oder nicht? Diese Entscheidung musste schnell gehen, was vielmehr Überwindung als Entscheidung war. Wartete ich zu lang, funktionierte es nicht mehr, was mich, wie angewurzelt auf einem Fleck halten würde – vergleichbar mit dem verweigerten Referat. Dann käme er wieder heraus und versuchte mich in sein Büro zu holen, was ihm sicherlich so vorkam, als würde ich nicht wollen und er mich überreden und wer spricht schon gern mit einem Überredeten. Nein, ich musste aufhören zu denken und einen Fuß vor der anderen setzen. Der braune Sessel stand immer noch am gleichen Ort. Wo sollte er auch schon anders sein? Ich setzte mich und er rückte seinen zurecht, sodass er mir diagonal gegenüber saß. Eines Tages hatte er gemeint, dies würden Psychotherapeuten tun, damit die Klienten entscheiden könnten, ob man den Gegenüber anschauen wolle oder lieber wegsehen möchte. „Na, wie geht es dir?“ Ich schaute ihn an und er schaute mich an. Schon seit einiger Zeit versuchte ich seine Augenfarbe zu erkennen, was mir aber nicht gelang, denn oft wagte ich nur kurze Blicke in seine Augen. Vielmehr schaute ich an ihm vorbei und musterte aufs Neue die Ausstattung seines Büros, was nicht daran lag, dass ich ihn mit Missachtung strafen wollte. Nein, ich traute mich nicht einen tiefen, langen Blick in Augen zu riskieren. Dies tat ich gewöhnlich selten, was aber bei Olaf noch schwerer erschien, als bei unbedeutsamen Menschen. Jedenfalls hatte er keine braunen Augen, was ich nicht mochte. Braune Augen. Viel lieber schaute ich in grüne oder blaue, ganz egal, nur nicht braun. „Ich war heute Morgen wieder auf deiner Internetseite und habe in deinem Tagebuch gelesen, was du geschrieben hast. Nur verstehe ich es nicht. Womit tue ich dir weh, Alena? Ich möchte dir nicht wehtun.“ Ich schaute weg. Nein, diese Frage konnte ich ihm nicht beantworten. Dies ging wirklich nicht. Ich schaute durch den ganzen Raum. Die seltsam gemusterte schwarz weiße Tischdecke lag mit ihren Kaffeeflecken verrutscht auf dem Tisch, um den die vier stuhlartigen Sessel standen. Hinter ihm blickte der Schreibtisch hervor. An der rechten Seite des Raumes hing ein Regal mit Broschüren, darunter stand der Papierkorb und daneben ein Schränkchen mit seiner Kaffeemaschine. Er trank viel Kaffee und in seinem Büro stieg einem ein gemütlicher, kaffeeartiger Duft in die Nase, der mich sehr beruhigte. Oftmals nahm mir dieser Duft meine Aufregung, egal wie groß sie war, sie war in seiner Gegenwart vergessen. Ebenso hätte ich einschlafen können, so sicher und beruhigt fühlte ich mich. Ich durfte jetzt nicht anfangen zu weinen, obwohl dieses Thema mit sehr vielen Emotionen bestückt war. Im heutigen Brief, der in meiner Hosentasche versteckt war, wurde diese Frage ausführlich erläutert und sicherlich würde ich noch weitere Worte darüber schreiben. Nur sagen, nein, das ging nicht. Später würde ich ihm jenes beschriebene Papier geben und dann hätte er es bis zur nächsten Freistunde gelesen, nur nicht jetzt. Auch ich hatte später noch genug Zeit, um mir den Kopf über meine Schreiberei zu zerbrechen. Vielleicht würde er davon sprechen, hätte er es gelesen. Das ging nicht. Ich wollte seine Gedanken nicht hören. Irgendwie musste er das Thema wechseln. Vielleicht wenn ich weiter schwieg? „Ich glaube du möchtest darüber nicht reden, oder?“ Ich nickte. „Das war wieder eine oder-Frage“, lächelte er. Ich versuchte selbiges zu erwidern. Er stellte des öfteren solche Fragen, in der Hoffnung ich würde sprechen, wozu eine oder-Frage nämlich verlocken konnte. Es herrschte lange Stille. Mein Blick war starr auf das große Fenster gerichtet, wodurch man einen mit Blättern bedeckten Baum sehen konnte. Die Vögel zwitscherten. Das Fenster stand offen und der Frühlingsgeruch strömte herein. Langsam wanderte ich mit meinem Blick zu seinen Händen. Um in sein Gesicht zu blicken reichte es nicht aus. Seine Hände ruhten auf seinem Bein, welches über dem anderen lag. Warum antwortete ich ihm nicht auf seine Fragen, die er mir während meiner Gedanken in verschiedenster Ausführung gestellt hatte und ebenso mit dem Erzählen begann? Es war so verrückt. Er redete, vielmehr führte er Selbstgespräche und ich schwieg. Sicherlich war ich nicht abwesend, auch wenn ich mich innerlich so fühlte, sondern lächelte, weinte, schaute böse, nickte oder schüttelte den Kopf. Aber es war zu bizarr. Warum konnte ich nicht Worte gebrauchen, wie andere Menschen dies auch in die Tat umsetzten? Und das Schlimmste war, ich wusste keinen Grund. Um es annährend zu beschreiben, habe ich mich wohl so gefühlt, als sei ich verliebt und müsste korrekte, vollständige und zugleich schlaue Sätze hervorbringen. Ich war gehemmt und das auch noch anders, als gestern beim verweigerten Referat. Viel zu viele Gefühle schwirrten umher. Keine Gefühle der Angst oder Aufregung, mehr noch war es Peinlichkeit und Scham. Ich gehörte in den Papierkorb, was mir aus heiterem Himmel einfiel, als ich diesen anstarrte. Auf einmal erklang seine Stimme: „Den Ring habe ich mir damals gekauft, als ich in der elften Klasse war.“ Ein gelungenes Lächeln erschien auf meinen Lippen und ich schaute ihn an. Woher wusste er, dass mein Blick auf seine Hand gerichtet den Ring betrachtete? Er war ein gesprächiger Mann und erzählte gern. „Ich erzähle jetzt solange dummes Zeug, bis du so genervt bist und freiwillig mit mir redest, damit ich still bin.“ Ein Bart umschloss seine Lippen, welche diese Worte formten. Noch immer schaute ich ihn an und hätte ich mich selbst und die dazugehörige Mimik gesehen, hätte ich gemerkt, dass ich grinste. „Die Fruchtstückchen heute Morgen in meinem Quark waren ausgezeichnet und die Frikadellen werden heutzutage auch immer kleiner, “ fuhr er fort. So verging die Zeit, bis ich mich verabschieden musste. „Ich habe einen Zettel geschrieben“, kam es plötzlich unerwartet aus meinem Mund hervor, während ich ihn sogleich aus meiner Tasche zog. Es war so unerwartet, dass ich selbst überrascht war. Ich sprach einfach so. „Danke, ich werde ihn gleich lesen“. Er steckte das Papier in die Brusttasche seines Hemdes und schien der Tatsache, dass dies heute meine ersten Worte innerhalb einer Stunde waren, keine Beachtung. „Hast du jetzt noch Sport?“ „Ja“ „Dann wünsche ich dir viel Spaß.“ „Werde ich sicherlich haben…“ Die Ironie in meiner Stimme war leicht zu erkennen. „Ich mochte Sport und hatte immer eine Eins. Dafür war ich in Kunst eine Niete, wo du die Expertin bist.“ Er folgte mir zur Tür. „Und nun redest du so schön mit mir. Aber warum denn immer am Ende?“ „Ich weiß es nicht.“ Wusste ich es? Wahrscheinlich, weil die Verabschiedung die Situation lockerte. Meist standen wir am Ende nämlich schon an der Tür und es schien nicht, wie ein Gespräch zu wirken. Wobei die ganzen Gespräche, oder wie man es nennen wollte bei ihm schon sehr locker waren. Ja, es war komisch. Ich wusste es wirklich nicht. „Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und wir sehen uns nächste Woche wieder?“ „Danke, ebenfalls ein schönes Wochenende. Tschüss.“ Ich stand wieder im Gang, lächelte kurz zurück und schloss die Tür. |
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Ich versteckte den angefangenen Brief unter der abgeschriebenen Matheaufgabe, die Herr Thiele gerade an der Tafel ausgiebig vorrechnete um ein neues Thema zu erklären. Mich interessierten keine Extrempunkte, noch weiß ich, wie sie berechnet werden, geschweige denn, was dies überhaupt ist.
„Zur Berechnung brauchen wir die erste Ableitung. Wer kann sie mir nennen?“, fragte der Pädagoge zur Klasse blickend. Ableitung. Klingt wie ein Fremdwort in meinen Ohren. Sicherlich kannte die ganze Klasse dieses Wort, über das ich hätte stundenlang philosophieren können um eine Verbindung zum Mathematikunterricht zu finden. In den letzten Stunden tauchte dieses Wort bestimmt auf. Wie traurig es doch war, wenn man so gar nicht wusste, welches Thema überhaupt aktuell behandelt wurde. Da ich wahrscheinlich ein ganzes Halbjahr Mathematikunterricht nachholen müsste, um zu verstehen, was dieser Mensch dort vorn an der Tafel überhaupt tat, beschloss ich, dass es sich nicht lohnen würde, seinen Worten zu lauschen und widmete mich wieder meinem Brief. Ich würde ihm den Brief heute in der Freistunde geben. Grundsätzlich freute ich mich freitags immer auf meine Freistunde, denn während die anderen meist in einem Café saßen oder sich in der Schule aufhielten und Hausaufgaben machten, hatte ich jedes Mal ein Gespräch bei dem Sozialpädagogen. Eigentlich durfte ich ihn Olaf nennen, jedoch kam ich mir dabei ziemlich dumm vor, obwohl ich es nie versucht hatte. Aber es wäre geschehen und um ihm beim Vornamen zu nennen, kannte ich ihn doch kaum. Doch Herrn Böding konnte ich wiederum auch nicht sagen, denn dazu fehlte die Distanz und seine lockere, junge Art machte dies auch nicht leichter, die man kennen lernte, wenn man schon so viele Stunden bei ihm verbrachte, wie ich es tat. Darum sprach ich ihn erst gar nicht an, sondern versuchte stets eine Anrede zu vermeiden, was bei meinen wenigen Worten nicht sonderlich schwer fiel. Nur beim Schreiben war es anders. Dort konnte ich all das schreiben, was mein Herz quälte und oft war es schwer die passende Worte zu finden, ohne ihn direkt anzusprechen. Jedoch war er in meinen Gedanken immer der Olaf und kein Herrn Böding. Ob ihm meine Briefe schon zur Last fielen? Schließlich war es nicht der erste und vermutlich auch nicht der letzte. Und sie waren es vielleicht auch gar nicht wert, dass er seine Zeit mit dem Lesen meiner beschriebenen Zettel vergeudete. Es waren letztendlich nur meine Gedanken, die für andere Menschen so wichtig waren, wie eine Tragödie in einem fernen Land. Gedanken zu seinen Worten, Gedanken überhaupt. Durch meine gefundene Beschäftigung verging die Doppelstunde wie im Flug. Es klingelte zur Pause und jeder brachte seine Sachen in der Tasche unter, denn die folgenden zwei Englischstunden fanden in einem anderen Klassenraum statt, der übrigens im gleichen Stockwerk, wie Olafs Büro war. Ich stellte den Stuhl an den Tisch und zog meinen azurblauen Rucksack auf den Rücken, welcher eigentlich überhaupt nicht zu der schwarzen Jacke und schwarzen Hose passte, die ich trug um meine düstere Phase zu verdeutlichen. Diesmal war die Pausenhalle von Schülern nur so gefüllt. In jeder Ecke standen kleine Grüppchen, die sich mal aufgeregt, mal laut oder freudig unterhielten. Lehrer gingen vorbei zum Lehrerzimmer mit ihren komisch aussehenden, zu verschiedensten Taschen – Herr Thiele verstaute seine Stifte, seinen Taschenrechner und die dazugehörigen Unterlagen in einem grünen Koffer. Weitere Schüler liefen umher, gesellten sich zur ihrer Gruppe oder eilten dahin, wahrscheinlich auf dem Weg zu ihrer Klasse oder zur Cafeteria. In dem Gewirr von Menschen und Rücksäcken erblickte ich Eva, eine ehemalige Klassenkameradin und nun wohl Bekannte. Wahrscheinlich verbrachte ich meine Pausen nur bei ihr, weil sie eher eine Außenseiterin war. Sie war nicht einer dieser beliebten Menschen, vor denen man sich blamieren konnte. Aus diesem Grund war ich wohl in ihrer Gegenwart auch alles andere als stumm. Eva wurde wegen ihrem Aussehen, was wirklich sehr merkwürdig war in der damaligen Klasse oft verspottet. Vielleicht gefielen ihr die roten, buschigen, zu langen Haare und die altmodische, kindische Kleidung mit der passenden Brille. Ich weiß es nicht. Ebenso hatte sie eine Art an sich, die nicht vielen Menschen zusagte. Mit wenigen Worten war sie einfach ein komischer Mensch, aber dennoch einer der wenigen, dem ich meine Worte problemlos schenken konnte. Ich plauderte mit ihr über bedeutungslose Dinge, die alles andere als tiefgehend waren und machte mich am Ende der Pause auf den Weg zur nächsten Stunde. |
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Ein neuer Tag, neues Glück, wie es so schön heißt. Allerdings brachte mir ein weiterer Schultag kein neues Glück. Stattdessen brachte er mir neue Depressionen. Ich saß im Unterricht, wie es sich für eine pflichtbewusste Schülerin gehörte, bekam aber inhaltlich keine lehrreichen Dinge mit. Ständig war ich mit meinen Gedanken anderweitig beschäftigt. Gleichgültig, wo ich gerade war, ich war überall, nur nicht in der Schule. Manchmal war ich auch an keinem Ort und saß einfach an meinem Platz und starrte die Wände an, beobachtete Lehrer oder Schüler. Manchmal schrieb ich die Tafelbilder mit und manchmal machte ich einfach gar nichts oder schrieb andere Sachen, wie Briefe oder Gedichte. Wenn ich jedoch jene Dinge nicht tat, schwamm ich im Strom der Gesellschaft mit. Ich lief den anderen hinterher und blieb stumm. Das aber auch nur, wenn ich gefragt wurde. Ich wollte letztendlich niemanden belästigen, wenn meine Anwesenheit eigentlich unerwünscht war, was aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Fall gewesen wäre. Aber sicher war sicher. |
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