Teil I
Es ging einfach nicht mehr. Nein! Selbst wenn es gehen würde, was hätte es für einen Sinn? Wozu sollte ich mich anstrengen, wenn ich nicht nur annährend das erreichen würde, was andere irgendwie schon immer können, als wäre es selbstverständlich. Außerdem sei erwähnt, dass ich sowieso bald für dieses Schuljahr nicht mehr zur Schule gehen würde, denn ich würde fort gehen. Auch würde ich die elfte Klasse nicht schaffen. Das steht fest. Also warum sollte ich aufstehen, vor die Klasse treten und über den Unterschenkel referieren, da dieses sicherlich nur große Anstrengung bedurfte? Wahrscheinlich wäre ich noch nicht einmal zufrieden oder stolz auf mich gewesen. Warum sollte ich mir also später Vorwürfe machen, es sei nicht gut genug gewesen? „Alena“, ertönte eine Stimme, deren Anwesenheit ich schon fast vergessen hatte. „Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann also nicht mehr länger warten. Wollen Sie nun vortragen?“ Nein! Aber redete ich mir nur ein, dass ich nicht wollen würde, da ich merkte, wie regungslos ich auf dem Stuhl saß und ein Gefühl verspürte, mich nicht bewegen zu können oder wollte ich wirklich nicht? Jetzt war es außerdem schon zu spät. Der Punkt, an dem die Chance bestand aufzustehen und zum Lehrerpult zu schleichen war längst vorüber. Es wollte nicht mehr funktionieren. Ich konnte nun nach einigen vergangenen Minuten nicht mehr aufstehen. Was mochten die anderen denken, würde ich mich nach so stillem und langem Sitzen plötzlich rühren? Eine Frage, die dagegen größere Bedeutung hatte, verschonte jedoch meine Gedanken: Was mochten sie denken, wenn ich mich nicht rührte, wie ich es offensichtlich tat? Anscheinend hatte dies viel schlimmere Auswirkungen. Zwar hätten einige wohlmöglich gedacht, ich sei verrückt, würde ich nach langem Warten das Referat vortragen, aber Folgen bezüglich der Benotung hätte dies nicht gehabt. Es ging dennoch nicht und es war mir gleichgültig, würden mich die Klassenkameraden für noch verrückter halten! Erneut riss mich jene Stimme aus meinen Gedanken. „Gut, dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten!“ Stöhnen und das Packen der Taschen hallten durch den Klassenraum, welche meine vertraute, hervorgerufene Stille durchbrachen. Was stöhnten sie so? Sie mussten es doch ohnehin noch einmal durcharbeiten, wenn sie im nächsten Test eine gute Note haben wollten. Dies Bisschen war schließlich kein Beinbruch. Auch ich packte langsam meine Sachen zusammen und trotte unter den Letzten durch die Tür. Wenn mir meine schulische Leistung so gleichgültig war, wie ich vielleicht tat, warum stiegen mir dann die Tränen in die Augen? Warum ging es mir so nah? Die versteckten Tränen brannten in den Augen. Ich durfte jetzt nicht weinen, nein. Ich würde jede Sekunde abgeholt werden. Niemand durfte meine Traurigkeit sehen, die ich verzweifelt versuchte für die Heimfahrt abzulegen. Es ist nicht schlimm und bald wird alles besser. Ich gehe fort. Ja, dann muss ich mich nicht länger quälen und es könnte die Möglichkeit auf ein besseres Leben bestehen, was immer dies heißen mochte. Jene Worte versuchte ich mir einzureden, damit ich diese Zeit auch nur irgendwie ertragen konnte und weiterhin am Leben blieb. Kaum eine Gestalt war in der Pausenhalle zu erspähen, was sich allerdings mit dem Klingeln zum Unterrichtsende schlagartig ändern würde. Es war eben Schulalltag: das Klingeln, das Wechseln der Räume, die Pause oder für einige Schüler der Schulschluss. Aber ohne jenen Alltag war es angenehmer die Treppe hinunter zu gehen. Keine Schüler, die durcheinander liefen und auch der so bekannte Geräuschpegel blieb regungslos. Wie gut, denn dann hatte ich noch ein wenig Zeit, die restliche Traurigkeit zu beseitigen, ohne dass jemand eine Träne erhaschen konnte. Nur durfte ich nicht daran denken, dass ich in den zehn Minuten, die ich nun als Beruhigungsversuch nutze, eigentlich mein Referat hätte vortragen sollen. Die duftend warme Frühlingsluft stieg mir sofort in die Nase, als ich die Tür nach draußen öffnete und ein helles Quietschen erklang – wie immer, wenn man die Tür öffnete. Wie schön der Frühling doch sein konnte. Selbst mich durchströmte ein Gefühl der bunten Freude, obwohl ich mein Leben eher als trostlos und grau betrachtete. Es liegt wohl in der Natur der Lebewesen, dass die aufgehenden Blumen oder die zwitschernden Vögel ein Herz erfreuen konnten, ob man es wollte oder nicht. Doch trotz der Schönheit war es nicht von Dauer. Nur für wenige kurze Augenblicke war der ersehnte Frühling eine herzliches Geschenk, welches auch ich mit offenen Armen empfang. Je öfter die Vögel sangen, je wärmer die Tage wurden und je stärker der Frühlingsduft die Sinne berührte, desto schneller wurde diese Schönheit gewöhnlich und erst im nächsten Jahr brachte sie wieder neues Glück mit. Demnach war mein Leben mehr grau, als bunt, denn grau siegte immer, grau ist die Häufigkeit, die Gewohnheit – mein grauer Alltag. Weit hatte ich es nicht, bis zum Auto meiner Mutter, die schon an der anderen Straßenseite stand und wartete. Ich wischte mir ein letztes Mal eine kleine Träne aus dem Gesicht, in der Hoffnung es würde so aussehen, als würde ich mich kratzen und stieg in das Auto. Sehr gesprächig war die Fahrt nach Hause nicht, was aber sehr wahrscheinlich daran lag, dass ich die Worte meiner Mutter kaum wahrnahm. Immer noch war ich damit beschäftigt die dummen Tränen zu verdrängen. Aber sie wollten und wollten nicht fortbleiben. Jedes Mal, wenn eine erfolgreich verdrängt war, drohte die nächste zum Vorschein zu kommen und so ging es den ganzen Weg.
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