Sprich

Am Abend lag ich auf meinem Bett und starrte, wie so oft sinnlos an die Decke. Als ich noch um einige Jahre jünger war, habe ich mir immer vorgestellt, die Astlöcher des Holzes über mir seien Tiere. Tatsächlich sahen einige, mit viel Vorstellungskraft aus, wie Schlangen. Häufig lag ich Samstag - oder Sonntagmorgens, wenn die Nacht vorüber war in meinem Bett und betrachtete meine Schlangen.
Zum ersten Mal tat ich dies nach langer Zeit wieder und musste mit Erschrecken feststellen, dass gar keine Schlangen mehr zu sehen waren. Hatte sich das Holz verändert oder reichte meine kindliche Fantasie nicht mehr aus, um sie sehen zu können? Sie waren verschwunden. Dinge änderten sich. Nur meine Schüchternheit – oder wie man es nennen wollte, war alles andere als fort. Das schüchterne kleine Mädchen, welches ich schon immer war, hatte seine Begleiterin nicht verloren. Es gab jedoch einen Unterschied. Sie hatte mich damals nie belästigt, nie gequält und nie so beeinträchtig, wie sie es die letzen Jahre tat.
Warum war ich denn nur so? Es konnte doch einfach nicht normal sein solche Hemmungen zu verspüren, wenn ich mit vielen Leuten zusammen war, wohlmöglich auch noch reden sollte oder das Gefühl haben musste, beobachtet zu werden. Es war so absurd, dass ich es kaum erklären konnte. Irgendwas musste doch mit mir los sein. Aber was denn nur? Andere waren doch auch nicht so.
Wie viele Stunden hatte ich mir wohl schon den Kopf darüber zerbrochen? Wohlmöglich waren es zusammen gezählt Wochen oder Monate, wenn nicht beinahe sogar Jahre. Allerdings kam ich noch nie zu einem Ergebnis oder wenigstens einer kleinen Antwort.
Bis vor wenigen Monaten dachte ich noch, diese Hemmungen würden mit viel Anstrengung nach einiger Zeit allein vorübergehen. Ich müsste nur genug daran glauben und es oft genug versuchen. Jedoch geschah es nicht so, wie ich es mir wünschte. Wann tut es das auch schon? Obwohl diese Überlegung nicht von Grund an ein Irrtum war, wollte es nicht funktionieren.
Bald würde es anders sein und ich wäre fort. Es würde sich viel ändern, wie ich mir einredete, um überhaupt die Hilfe annehmen zu können – Hilfe, durch eine stationäre Therapie in einer Klinik. Damit ich diese Entscheidung überhaupt treffen konnte, die mir übrigens sehr schwer fiel, musste ich der Meinung sein, dass es dort besser werden würde. Darum zwang ich mir diese Meinung auf, bis ich es aus Überzeugung selbst dachte. Ja, es würde besser werden. Dort könnte man mir sicherlich helfen. Dann könnte ich wieder zur Schule gehen, die Schule beenden und meine Träume verwirklichen. Wie schön dies doch klang.
Ich legte mich unter die Decke, denn Gänsehaut übersäte meinen Körper.
Oder war die Entscheidung nicht gut? Ohne Grund hätte ich es am Anfang sicherlich nicht gewollt. Gewehrt, mit Händen und Füßen hätte ich mich, wenn ich in eine Psychiatrie gehen musste. Und nun wollte ich? Irgendwas musste nicht stimmen. Aber ganz egal, was es war. Es war meine einzige verbleibende Hoffnung, die man mir nicht nehmen durfte. Es würde besser werden. Einmal im Leben muss doch auch ich Glück haben.
Ich drehte mich zur Seite, sodass ich an die Wand meines Zimmer schaute und schlief in dieser gewohnten - meiner Einschlafsposition ein.

taciturn.thunder am 25.3.07 22:10




Teil I

Es ging einfach nicht mehr. Nein! Selbst wenn es gehen würde, was hätte es für einen Sinn? Wozu sollte ich mich anstrengen, wenn ich nicht nur annährend das erreichen würde, was andere irgendwie schon immer können, als wäre es selbstverständlich. Außerdem sei erwähnt, dass ich sowieso bald für dieses Schuljahr nicht mehr zur Schule gehen würde, denn ich würde fort gehen. Auch würde ich die elfte Klasse nicht schaffen. Das steht fest. Also warum sollte ich aufstehen, vor die Klasse treten und über den Unterschenkel referieren, da dieses sicherlich nur große Anstrengung bedurfte? Wahrscheinlich wäre ich noch nicht einmal zufrieden oder stolz auf mich gewesen. Warum sollte ich mir also später Vorwürfe machen, es sei nicht gut genug gewesen?
„Alena“, ertönte eine Stimme, deren Anwesenheit ich schon fast vergessen hatte. „Ich habe nach dieser Stunde einen wichtigen Termin und kann also nicht mehr länger warten. Wollen Sie nun vortragen?“
Nein! Aber redete ich mir nur ein, dass ich nicht wollen würde, da ich merkte, wie regungslos ich auf dem Stuhl saß und ein Gefühl verspürte, mich nicht bewegen zu können oder wollte ich wirklich nicht? Jetzt war es außerdem schon zu spät. Der Punkt, an dem die Chance bestand aufzustehen und zum Lehrerpult zu schleichen war längst vorüber. Es wollte nicht mehr funktionieren. Ich konnte nun nach einigen vergangenen Minuten nicht mehr aufstehen. Was mochten die anderen denken, würde ich mich nach so stillem und langem Sitzen plötzlich rühren? Eine Frage, die dagegen größere Bedeutung hatte, verschonte jedoch meine Gedanken: Was mochten sie denken, wenn ich mich nicht rührte, wie ich es offensichtlich tat? Anscheinend hatte dies viel schlimmere Auswirkungen. Zwar hätten einige wohlmöglich gedacht, ich sei verrückt, würde ich nach langem Warten das Referat vortragen, aber Folgen bezüglich der Benotung hätte dies nicht gehabt. Es ging dennoch nicht und es war mir gleichgültig, würden mich die Klassenkameraden für noch verrückter halten!
Erneut riss mich jene Stimme aus meinen Gedanken. „Gut, dann ist es Hausaufgabe den Aufbau des Unterschenkels herauszuarbeiten!“
Stöhnen und das Packen der Taschen hallten durch den Klassenraum, welche meine vertraute, hervorgerufene Stille durchbrachen. Was stöhnten sie so? Sie mussten es doch ohnehin noch einmal durcharbeiten, wenn sie im nächsten Test eine gute Note haben wollten. Dies Bisschen war schließlich kein Beinbruch.
Auch ich packte langsam meine Sachen zusammen und trotte unter den Letzten durch die Tür. Wenn mir meine schulische Leistung so gleichgültig war, wie ich vielleicht tat, warum stiegen mir dann die Tränen in die Augen? Warum ging es mir so nah? Die versteckten Tränen brannten in den Augen. Ich durfte jetzt nicht weinen, nein. Ich würde jede Sekunde abgeholt werden. Niemand durfte meine Traurigkeit sehen, die ich verzweifelt versuchte für die Heimfahrt abzulegen. Es ist nicht schlimm und bald wird alles besser. Ich gehe fort. Ja, dann muss ich mich nicht länger quälen und es könnte die Möglichkeit auf ein besseres Leben bestehen, was immer dies heißen mochte. Jene Worte versuchte ich mir einzureden, damit ich diese Zeit auch nur irgendwie ertragen konnte und weiterhin am Leben blieb.
Kaum eine Gestalt war in der Pausenhalle zu erspähen, was sich allerdings mit dem Klingeln zum Unterrichtsende schlagartig ändern würde. Es war eben Schulalltag: das Klingeln, das Wechseln der Räume, die Pause oder für einige Schüler der Schulschluss. Aber ohne jenen Alltag war es angenehmer die Treppe hinunter zu gehen. Keine Schüler, die durcheinander liefen und auch der so bekannte Geräuschpegel blieb regungslos. Wie gut, denn dann hatte ich noch ein wenig Zeit, die restliche Traurigkeit zu beseitigen, ohne dass jemand eine Träne erhaschen konnte. Nur durfte ich nicht daran denken, dass ich in den zehn Minuten, die ich nun als Beruhigungsversuch nutze, eigentlich mein Referat hätte vortragen sollen.
Die duftend warme Frühlingsluft stieg mir sofort in die Nase, als ich die Tür nach draußen öffnete und ein helles Quietschen erklang – wie immer, wenn man die Tür öffnete. Wie schön der Frühling doch sein konnte. Selbst mich durchströmte ein Gefühl der bunten Freude, obwohl ich mein Leben eher als trostlos und grau betrachtete. Es liegt wohl in der Natur der Lebewesen, dass die aufgehenden Blumen oder die zwitschernden Vögel ein Herz erfreuen konnten, ob man es wollte oder nicht. Doch trotz der Schönheit war es nicht von Dauer. Nur für wenige kurze Augenblicke war der ersehnte Frühling eine herzliches Geschenk, welches auch ich mit offenen Armen empfang. Je öfter die Vögel sangen, je wärmer die Tage wurden und je stärker der Frühlingsduft die Sinne berührte, desto schneller wurde diese Schönheit gewöhnlich und erst im nächsten Jahr brachte sie wieder neues Glück mit. Demnach war mein Leben mehr grau, als bunt, denn grau siegte immer, grau ist die Häufigkeit, die Gewohnheit – mein grauer Alltag.
Weit hatte ich es nicht, bis zum Auto meiner Mutter, die schon an der anderen Straßenseite stand und wartete. Ich wischte mir ein letztes Mal eine kleine Träne aus dem Gesicht, in der Hoffnung es würde so aussehen, als würde ich mich kratzen und stieg in das Auto. Sehr gesprächig war die Fahrt nach Hause nicht, was aber sehr wahrscheinlich daran lag, dass ich die Worte meiner Mutter kaum wahrnahm. Immer noch war ich damit beschäftigt die dummen Tränen zu verdrängen. Aber sie wollten und wollten nicht fortbleiben. Jedes Mal, wenn eine erfolgreich verdrängt war, drohte die nächste zum Vorschein zu kommen und so ging es den ganzen Weg.

taciturn.thunder am 24.3.07 16:15


Einleitung

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass wir Menschen niemals wissen können, was uns in unserem Leben widerfahren wird. Jenes kann also bedeuten, dass Unmöglichkeiten geschehen könnten
Doch leider gibt es sehr viele Realisten auf dieser Welt. Solche, die so realistisch sind, dass sie kaum zu träumen wagen. Noch schlimmer ist aber die Sorte der pessimistischen Realisten, die schon ohne überhaupt geträumt zu haben, weiß, dass der Traum niemals in Erfüllung gehen wird. Diese Menschen, geplagt von Depressionen und all den anderen Gedanken - nur nicht diejenigen, die das Leben wundervoll machen.
Doch was macht man, wenn nun plötzlich Dinge geschehen, die man weder geplant noch gedacht hat, da sie so unwirklich und schön sind, dass sie einem bloß nie passieren können? Was macht man dann?
taciturn.thunder am 24.3.07 15:40


Prolog

Warum sprichst du nicht? Warum versteht keiner, dass dies einfach nicht funktionieren will? Der ganze Körper ist, wie gelähmt und es will und will kein Wort hervorkommen. Warum geht es denn einfach nicht? Ich fühle mich unnormal, bin ein Außenseiter, bin anders. Warum habe ich diese Angst und kann mich nicht bewegen? Was ist nur mit mir los...?
taciturn.thunder am 24.3.07 15:35


Sprich!

 

 

von taciturn.thunder

 

 

Halb Realität, halb Herzenswunsch, halb Traumschloss,
aber ich - ja ich bin die Wirklichkeit

taciturn.thunder am 24.3.07 15:30


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