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Zwischen Beten und Bangen hatte ich mich nun zu entscheiden. Bangen, dass das Gespräch bloß nicht endete und beten, dass es möglichst schnell vorüber ging. Aber ehe ich mich versah, hörte ich das Geräusch des Hörers auf der Telefongabel und im Nu hatte sich das Problem selbständig gelöst. Mein Vater ging mit großen Schritten in die Küche. Meine Mutter stand an der Arbeitsplatte der weißen Küche. Ich konnte die Kaffeemaschine wahrnehmen, die freudig vor sich hin gluckerte und das schwarze Gebräu produzierte und schaute dann zu meinem Bruder, der auf einem Stuhl um den Tisch saß und in einem Heft blätterte. Der Mann, der einen gebückten Gang hatte, da er häufig unter Rückenschmerzen litt, stellte inzwischen seine Arbeitstasche auf den Tisch und ging in den Keller, um seinen Arbeitsanzug aus zu ziehen. Er arbeitete in einer Autowerkstatt und musste darum angemessene Kleidung tragen. Früher habe ich den Geruch des Öls oder Benzins seiner Kleidung sehr intensiv wahrgenommen. Immer konnte ich im Flur riechen, ob er gerade von der Arbeit gekommen war und in der Küche saß. Ein so bekannter Geruch, der mich noch heute an meine Kindheit erinnern würde, als wäre ich wieder vier oder fünf Jahre alt. Außerdem waren seine Hände oft schwarz, was mit einem Mal Händewachsen nicht völlig verschwand. Ich hielt es damals für üblich, dass die Hände meines Vaters von schwarzen Linen durchzogen waren und war der Meinung alle Väter hatten solche Hände – eben Arbeitshände. Er sah sehr böse aus, als er den Raum wieder betrat. Ein grimmiger Blick auf seinem Gesicht sagte mir eigentlich schon alles. Keine Begrüßung kam aus seinem Mund hervor, was darauf schließen musste, dass er recht sauer war. Er wollte mich also mit Missachtung strafen. Dann hätte er doch lieber schreien und schimpfen sollen, anstatt jenes zu tun. Hauptsache er würde mir sagen, weshalb Frau Lindenborn angerufen hatte, egal in welchem Ton er dies tat. Aber kein Schweigen, nein bitte kein Schweigen. Er durfte keine Dinge wissen, die nicht für ihn bestimmt waren. Anscheinend fehlten ihm jedoch einzig und allein die Worte, um einen Anfang zu finden, denn im nächsten Moment sprudelte es nur so aus ihm heraus und das, wie ich es erwartet hatte, ziemlich laut und wütend. „Nein, das gibt es nicht. Wie kann man denn nicht antworten, wenn man etwas in der Schule gefragt wird? Und dann rufen die Lehrer deshalb auch noch hier an. Das kann doch nicht sein. Man muss doch etwas sagen, wenn man an der Reihe ist. Und dann schreibt die Zettel, wo draufsteht, sie will sich umbringen. Ich fass es nicht Nein, unvorstellbar!“ Inhaltlich gesehen, sagte er mehrfach das Gleiche, in einem abstoßenden Ton. Bestimmt zehn Minuten konnte ich mir Vorwürfe dieser Art in verschiedensten Ausführungen anhören. Doch letztendlich nur solange, bis ich das Geschimpfe nicht mehr ertragen konnte und auf einmal war ich sehr redewillig und auch laut. „Sei doch einfach still, wenn du keine Ahnung hast!“ schrie ich ihn lauter an, als er es selbst tat. „Ja, keine Ahnung habe ich also…“, entgegnete er nun genauso laut. „Ja, sonst würdest du so etwas nicht sagen!“, konterte es meinerseits. Für weiteres Geschrei war ich emotional zu aufgebracht, denn Tränen schossen in meine Augen. Reflexartig nahm ich meine Schultasche und stürmte fort, denn Tränen waren nicht für meine Familie bestimmt. Dabei schlug ich die Tür lauter zu, als ich dies jemals getan hatte, damit jeder wusste wie hasserfüllt ich gerade nur war. Niemand hatte das Recht mir solche Vorwürfe zu machen und schon gar nicht über Dinge, die mich seit langer Zeit hemmten und einschränkten. Es reichte schließlich, wenn ich jenes selbst schon zu genüge tat. Ich lies mich nicht ausschimpfen. Schließlich bereitete es mir massig Probleme und niemand hatte das Recht mich deshalb zu beschimpfen. So viel ließ ich mir dann doch nicht gefallen, obwohl die Grenze des Wehrens bei mir ziemlich hoch gesetzt war. |
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Maccabros / Website (30.5.07 18:58) Die Fähigkeit anderer, Schweigen, das Nichtsprechen zu verstehen, nicht zu begreifen, ist anfangs oft sehr groß... |